Roman

Der Keim von Tarjei Vesaas

Ein heißer Sommertag, die Heuernte ist eingebracht, es ist ein Werktag und doch haben die Leute auf der kleinen Insel frei. Zwei Knechte sitzen in der Sonne und trinken Bier, Paare treffen sich, ein Mädchen sammelt Pflanzen, die Insel ist grün und strotz vor Fruchtbarkeit und über allem thront die riesige rotgestrichene Scheune der Familie Li, die einen Obstgarten betreibt. So ein Tag ist es, an dem ein Fremder auf die Insel kommt, ohne Gepäck und mit dem Ansinnen zu bleiben. Er kennt niemanden dort, doch die Stimmen in seinem Kopf haben ihn hierher geführt. Andreas Fest heißt er und hat die Explosion einer Fabrik in der Stadt nur knapp überlebt. Als Inga, die Tochter der Familie Li ihm begegnet, erschlägt er sie auf Anraten der Stimmen. Als es bekannt wird, wird ihr Bruder Rolv von Wut übermant und macht Jagd auf den Mörder, seine Wut, sein Wille den Mörder seiner Schwester zur Strecke zu bringen, greift auf die Bewohner der Insel über, so dass ein Mob, eigentlich friedliebender Menschen sich mitreißen lässt und so mit schuldigt wird, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen.

Tarjei Vesaas schreibt der Art anschaulich, dass der Leser sich bereits nach dem ersten Abschnitt auf der Insel befindet und sich des nahen Unheils in der Sommeridylle bewusst ist. Er lässt was geschieht durch verschiedene Stimmen erzählen. Vieles bleibt unausgesprochen und ist gerade dadurch, dass er es nicht klar benennt, präsent. Vesaas hat „Der Keim“ 1940 geschrieben, als Norwegen unter Deutscher Besatzung war und natürlich drängen sich die Themen Mitläufer, Schuld, Reue, Aufarbeitung auf. Aber auf einer tieferen Ebene auch, wie reagiert der Mensch in Ausnahmesituationen? Wie schnell greift der Wahnsinn über? Wie sehr hat jeder die Veranlagung zum Täter in sich?

Der Keim
Autor: Tarjei Vesaas
Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel
Nachwort: Michael Kumpfmüller
Verlag: Guggolz
ISBN 978-3-945370-39-1
Preis: 24,00 €

Mein Name ist Karin Braun, lebe in Kiel, arbeite als Autorin, Herausgeberin, Literatourbloggerin und Übersetzerin - also kurz: ich mach was mit Worten.

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