Norwegen
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Schmuggler von Arthur Omre
Arthur Omres Schmuggler wurde 1935 veröffentlicht und erzählt vom Alkoholschmuggel in Norwegen. In den 20 Jahren gab es eine Prohibiton wie in Amerika in Norwegen und der Schmuggel blühte. Omre beschreibt nicht nur eine Welt, von der gehört hat, sondern eine die er erlebt hat. In jungen Jahren fuhr er zur See, studierte später Architektur, gründete ein Baugeschäft, mit dem er pleite ging. Ein Haufen Schulden, eine schlechte wirtschaftliche Lage und drängende Gläubiger, brachten ihn dazu, selbst mit dem Alkoholschmuggel anzufangen und irgendwann landete er im Gefängnis. Von der Zeit des erfolgreichen Schmuggelns und seiner Knastzeit erzählt sein Roman.
Omre wurde oft mit Jack London verglichen und auch mir kam dieser Vergleich. Beide schreiben nicht über etwas, sondern nehmen die Lesenden mit, in eine andere Zeit und Welt. Bei beiden Autoren leuchtet die Abenteuerlust aus jeder Seite. Verfolgungsjadten mit der Polizei und dem Zoll, Auseinandersetzungen mit Zupfern (diebische Leute, die den Schmugglern ihre Ware abnehmen wollen) und unzuverlässige Mitverschwörer. Es ist ein riskantes Leben und es kann nicht immer gutgehen. Irgendwann geht es für unseren Protagonisten in den Knast. Den Alltags dort und die Nutzlosigkeit des Strafvollzugs, die darauf ausgelegt ist, die Gefangenen zu brechen, beschreibt Omre mit der gleichen Bildhaftigkeit, wie das Schmuggeln. Wieder frei, will er sich ehrlich machen, doch mit einer Vorstrafe und seinen bekannten Vergehen, ist das nicht einfach. Er versucht einiges, aber neben den geringen Verdienstmöglichkeiten treibt ihn, die Langeweile eines normalen Alltags, wieder zum Schmuggeln. Ein weiterer Gefängnisaufenthalt folgt und hier bittet unser Held um ein Schreibheft, womit der Karrierewechsel markiert ist.
Schmuggler ist ein weiterer Klassiker der norwegischen Literatur, der von Gabriele Haefs gehoben und frisch übersetzt wurde und endlich auch in deutscher Sprache vorliegt. Beinahe hätte es schon einmal eine Übersetzung gegeben, denn Schmuggler war nach seinem Erscheinen 1935 ein sofortiger Erfolg und wurde in so einige Länder verkauft. Doch in Deutschland erschien es nicht. Joseph Goebbels persönlich schrieb dem Autor, dass diese Art von Büchern im Lande nicht erwünscht seien! Schon das, ein Qualitätsmerkmal. Doch bei weitem nicht das einzige, die Sprache ist einfach, aber so bildlich, das ich mir eine Verfilmung gut vorstellen konnte. Die Geschichte hat Tempo, wo Tempo hingehört und der Ich-Erzähler ist angenehm selbstironisch.
Schmuggler
Autor: Arthur Omre
Übersetzerin und Nachwort: Gabriele Haefs
Verlag: Krause Verlag
ISBN: 978-3-907409-24-4
Preis: 26,00 €
Erscheint am 01.10.2026 -
Die spannendsten Geschichten aus Norwegen – Herausg. Gabriele Haefs und Dörte Giebel

Spannung, leichter und auch nicht so leichter Grusel, das passt exakt in diese Jahreszeit. Dazu kommt noch das Norwegen, obwohl gar nicht so weit weg, etwas geheimnisvolles hat. Die Fjorde, die Wälder, Trolle, Spukerscheinungen und wunderbare Erzähler. Gabriele Haefs und Dörte Giebel haben da eine feine Sammlung erstellt. Das Schöne ist, dass sie sich nicht auf die üblichen Nordic Noir Autor:innen beschränken, sondern auch Stimmen aus der Vergangenheit zu Wort kommen lassen. Wer hat zum Beispiel schon mal von einem Autor mit dem schönen Namen Rosenkrantz Johnsen gehört? Er ist mit der Geschichte Hirngespinste vertreten, die sich mit dem Wunsch zu töten in einem eher unauffälligen Manne beschäftigt. Maurits Christoffer Hansen hingegen ist mit dem wahrscheinlichen ältetesten Kriminalroman Norwegens, bereits in Deutschland aufgetaucht. Der Mord an Maschinenbauer Roolfsen (übersetzt von Gabriele Haefs und Evelyn Dahlsrud) erschien im Rote Katze Verlag, in den spannendsten Geschichten ist er mit Die wunderliche Jungfer Sars vertreten. Hier wird gezeigt, dass jede Begegebenheit, sich auch ganz anders zugetragen haben kann.
Aus der jüngeren Generation sind einige auch in Deutschland bekannte Namen, aber auch solche, die es dringend werden sollten, dabei. Levi Henriksen ist kein Unbekannter und seine Geschichten, die fast ausschließlich in seiner Heimat Finnskogen spielen, sind immer originell. Monika Steinholm widerum ist hierzulanden kaum bekannt und das ist etwas, was sich schnellstens ändern sollte. Ich habe erst zwei Texte von ihr gelesen, einer davon, Das Elternhaus, befindet sich in dieser Sammlung und geht enorm unter die Haut.
Ach, am liebsten würde man zu jeder Geschichte etwas schreiben. Normalerweise findet man in einer Anthologie immer Beiträge, die einem nicht so wirklich gefallen. Das ist hier nicht der Fall. Sie gefallen mit alle, so sehr, dass ich sicher immer mal wieder in dem Buch schmöckern werde.Die spannendsten Geschichten aus Norwegen
Herausg: Gabriele Haefs & Dörte Giebel
Übersetzer:innen: Gabriele Haefs, Dörte Giebel, Karla Kabot, Kerstin Reimers, Claudia Palser-Kieser, Andreas Brunstermann, Evelyn Dahlrud, Sophia Wulfert und Christel Hildebrandt
Verlag: Reclam
ISBN: 9783150208366
Preis: 12,00 € -
Der gute Mensch von Sandvika von Vigdis Hjorth

Eine Kneipe in Sandvika, einem kleinen Vorort von Oslo, in der Nähe des Bahnhofs, hier kommen sie zusammen, ohne jemals wirklich zusammen zu sein. Der depressive Trinker, das Ehepaar, das gemeinsam trinkt, aber nicht miteinander spricht, der mit dem Schnurrbart, der jeden Tag seine Lebensgeschichte umschreibt, die Frau, die jeden Samstag mit ihren Lottoscheinen dort sitzt, die Ziehung verfolgt und ihre vier Bier trinkt … und die Schriftstellerin, mit dem Boxer, der unter dem Tisch schläft. Letztere geht in diese Kneipe, um zu schreiben oder wenn sie auf der Durchreise ist. Sie schreibt nicht einmal über die Leute dort, genau genommen interessieren sie sie nicht einmal besonders … außer die Frau mit den Lottoscheinen. Doch sie macht ihre Beobachtungen. So ist die Kneipe an manchen Tagen leer, das sind die Tage, an denen die Sozialhilfe noch nicht ausgezahlt wurde. Sie beobachtet auch, dass die Frau mit den Lottoscheinen, ein besonderes Talent hat, besonders aufgeregte und depressive Menschen zu beruhigen, dass sie sich auf ihre stille Art kümmert. Sie erfährt, dass sie Ada heißt und Hunde mag, ansonsten aber sind da nur die Lottoscheine, die sie immer nach der Ziehung resigniert zusammen räumt, bis sie es eines Tages nicht tut … denn Ada hat gewonnen. Ein Glücksfall könnte man meinen, doch wie heißt es? Es ist nicht alles Gold was glänzt.
Die Schriftstellerin beobachtet, will gar nicht interagieren, sie hat meistens ein Buch, einen Laptop oder Notizheft und Stift dabei. Sie grenzt sich ab, hat manchmal Angst, denen in der Kneipe, ähnlicher zu sein, als sie möchte. Sie trinken alle, nur die anderen eben mit wenig Geld und in Abhängigkeit vom Sozialamt. Als sie sich näher mit Ada einlässt, merkt sie schnell, dass die Unterschiede sehr groß sind, die eine hat die Sprache, kann sich ausdrücken, wird gehört und die andere hat nur wenige Worte zur Verfügung. Vigdis Hjorth ist eine der wenigen, die ein Buch von gerade einmal 172 Seiten zu einem Schwergewicht machen kann, dass sich leicht lesen lässt.
Der gute Mensch von Sandvika
Autorin: Vigdis Hjorth
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Verlag: S. Fischer
ISBN: 9783103977721
Preis: 24,00 € -
Diamanten und Rost von Anne Holt
Der 13. und letzte Fall für Hanne Wilhelmsen. Nach zehn Büchern, um die sperrige, manchmal nur schwer zu ertragendende Ermittlerin, sollte schon einmal Schluss sein. Doch dann erschienen nach längerer Pause Das elfte Manuskript, Zwölf wilde Pferde und nun, Diamanten und Rost.
In diesen letzten drei Büchern war Hanne Wilhelmsen nicht mehr bei der Polizei. Gelähmt, an den Rollstuhl gefesselt, ermittelte sie auf eigene Faust, mit Unterstützung von Henrik Holme, als Verbindung zu den offiziellen Ermittler:innen. Doch Henrik gibt es nun nicht mehr und da Hannes Frau Nefis ihr noch immer einen Teil der Schuld daran gibt, hatte sie sie mit Tochter Ida verlassen. Ihre Bedingung für ein weiteres Zusammenleben: Das Hanne sich mehr in das soziale Leben einbringt. So kommt es, dass sie die Ferien in ihrer neuerworbenen Hütte am Meer verbringen, wo Hanne glaubt den Verstand zu verlieren, denn Sonne, Gäste, Ferienspaß und so weiter, sind nun mal nicht ihres. Doch es gibt einen Lichtblick, einmal lernt sie Kristine Hoff kennen, die in der Nachbarhütte lebt, eine gefeierte Krimiautorin, die Hanne schon lange bewundert. Der zweite Lichtblick in einer Viehtränke wird unter rätselhaften Umständen eine nackte Frauenleiche gefunden. Hanne beginnt zu ermitteln …
Der Titel Diamanten und Rost bezieht sich auf ein Lied von Joan Baez. Denn in Erinnerungen finden sich oft Diamanten, aber eben auch Rost. Und um den Fall zu lösen, geht es um Erinnerungen, denn was geschehen ist, hat seinen Ursprung tief in der Vergangenheit.
Nun heißt es also endgültig Abschiednehmen von Hanne Wilhelmsen. Ich habe alle Bücher der Serie gelesen und alle gerne, obwohl die gute Hanne, nicht leicht zu mögen ist. Eigentlich so gar nicht. Doch das ist fast ein Markenzeichen von Anne Holts Protagonistinnen, auch mit Inger Johanne Vik und Selma Falk, macht sie es uns nicht leicht, dass man trotzdem mit ihnen mitfiebert, spricht für Anne Holts Qualität als Autorin.
Auch in diesem letzten Band der Serie, finden sich, was die Bücher von Anne Holt ausmachen. Themen von gesellschaftlicher Relevanz, farbige Nebenschauplätze, lebendige Charaktere und ein spannender Plot.
Diamanten und Rost
Autorin: Anne Holt
Übersetzerin: Gabriele Haefs
ISBN: 9783855352562
Verlag: Atrium
Preis: 24,00 € -
Heute in der Post

Heute kamen mit der Post drei Bücher, die meine Lieblingsübersetzerin Gabriele Haefs, aus dem Norwegischen übersetzt hat. Alle drei von Autor:innen, die ich sehr schätze. Wildwandler – Im Reich unter den Wurzeln ist von Hakon Marcus, einem jungen Autoren, der mit Wildwandler 1 einen fulminanten Start hingelegt hat und nun endlich den 2. Teil vorlegt. Vigdis Hjorth ist immer eine Freude, auch – oder gerade -weil sie tief in die Abgründe der Menschen taucht. Nicht als Krimi, sondern in dem normalen Miteinander. Last but not least: Anne Holt mit Diamanten und Rost, den 13. und letzten Band aus der Hanne Wilhelmsen Reihe, es ist also Zeit sich von dieser Ermittlerin zu verabschieden, deren Fälle ich immer spannend fand, die mir aber als Person mächtig auf die Nerven ging. Vielleicht habe ich mir das Buch deswegen als erstes herausgenommen. Es stehen also spannende Lesestunden an.
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Wir werden Wind ernten von Gunnar Staalesen

Seit 1977 ist Gunnar Staalesens Privatermittler Varg Veum tätig. Ein ehemaliger Sozialarbeiter, der zum Ermittler wurde. Mittlerweile ist er ein wenig abgeklärter und geht seine Ermittlungen ruhiger an, als in den ersten Bänden. Auch privat ist Veum seit 11 Jahren fest vergeben und bald sollen die Hochzeitsglocken läuten. Karin, seine Liebste, ist es auch, die ihn mit Ranveig bekannt macht. Deren Mann gilt als vermisst und Veum soll ihn finden. Nicht jeder, mit dem er während der Ermittlungen spricht, ist gleichermaßen daran interessiert das Mons Maeland wieder auftaucht, denn in wenigen Tagen soll ein Areal, das Maelands Firma gehört, mit den Geldgebern für einen Windpark abgegangen werden. Ein Projekt, das nicht überall auf Begeisterung stößt.
Die Geschichte spielt 1998. Norwegens Wohlstand basiert auf dem Öl der Nordsee, doch das ist endlich und Windkraft scheint eine gute Investitionsmöglichkeit zu sein. Doch es gibt Widerstand. Kurios ist auf den ersten Blick, dass dieser auch aus den Reihen der Umweltschützer kommt, weniger überraschend, dass die dort ansässige evangelikalische Glaubengemeinschaft Gottes Natur ohne Strommasten und Windräder erhalten möchte. Aber auch in Maelands Familie ist man sehr geteilter Meinung. Sohn Kristoffer und Mons Gattin Ranveig sehen es als gute Investition, Tochter Else hingegen ist auf Seiten der Naturschützer … und Mons selber, hat angeblich seine Meinung geändert und will von dem Projekt Abstand nehmen.
Wie gesagt, die Geschichte spielt 1998, zu einer Zeit in der es bereits Handys gab, aber man den Täter oder die Täterin nicht einfach googeln konnte, wie es zu Smartphonezeiten manchmal scheint. Das Thema jedoch ist nach wie vor aktuell und wird es auch noch lange bleiben. Staalens Ermittler ist einer der nicht wertet. Seine persönliche Meinung bleibt außen vor, solange es nicht seinen ethischen Kompass berührt. Das ist sehr erfrischend. Mittlerweile war von Varg Veum in 20 Bänden zu lesen und es ist immer wieder eine Freude, wenn ein neuer Staalesen erscheint.
Wir werden Wind ernten
Originaltitel: Vi skal arve vinden
Autor: Gunnar Staalesen
Übersetzende: Gabriele Haefs und Nils Hinnerk Schulz
Verlag: Polar Verlag
ISBN: 9783910918528
Preis: 17,00 € broschiert / 11,99 € E-Book -
Olav Audunssohn II von Sigrid Undset

Den ersten Teil habe ich hier besprochen: https://kabra-books.de/olav-audunssohn-von-sigrid-undset/
Norwegen 13. – 14. Jahrhundert. Zum Ende des ersten Teils ist Olavs Frau Ingunn, gestorben und er bleibt mit den Kindern Eirik und Cecilia zurück. Eirik ist Ingunns Sohn, aber nicht der von Olav, was ihm das Verhältnis zu dem Jungen und später zu dem Mann erschwert. Eirik ist ein Geschichtenerzähler, ein Träumer und unbeständig. Olav ist nicht gerade glücklich damit, Hestviken eines Tages an Eirik zu übergeben und ist erleichtert, als Eirik geht, um sich als Knappe zu verdingen. Da es Eiriks Sache nicht ist, bei einer Sache zu bleiben, kehrt er irgendwann zurück. Dann beschließt er ins Kloster zu gehen, doch kurz vor Ende seines Noviziats, verlässt er die Minoriten, weil klar wurde, dass er sich für das Leben nicht eignet. Cecilia wächst inzwischen zu einer schönen jungen Frau heran. Als sich Aslak, ein Mann, den Olav bei sich aufgenommen hat, um sie bewirbt, schickt er diesen fort, obwohl es eine unpassende Partie gewesen wäre. Stattdessen wird Cecilie mit Jørund, einem Jugendfreund von Eirik verheiratet, obwohl der junge Mann Olav nicht wirklich genehm ist. Die Verbindung erweist sich als fatal. Olav selbst sucht keine neue Verbindung, sondern wird immer schweigsamer und dieses Schweigen lastet auf allen um ihn herum. Obwohl er es auf seinem Hof zu Wohlstand bringt, ist er in so vielem vom Pech verfolgt; auch ihm lastet so einiges auf dem Gewissen. Ein ungesühnter Mord und eben das Eirik nicht wirklich sein Sohn ist … und dass er Björn, den Sohn, den er mit seiner früheren Wirtschafterin Torhild hat, nicht zu seinem Erben machen kann. Da die Handlung zur Zeit der Bürgerkriege und dem Hin und Her zwischen Unabhängigkeit, schwedischer oder dänischer Herrschaft spielt, kommen zu den persönlichen Dramen, noch Kriege und Aufstände.
Bereits zum ersten Teil schrieb ich: Sigrid Undset lesen, ist lesen in 3-D. Man liest nicht über das Leben dieser Menschen, sondern man lebt mit ihnen. Wenn Sigrid Undset einen Tag auf dem Fjord beschreibt, riecht man beim Lesen das Salzwasser und spürt die Sonne auf dem Gesicht. Und die Charaktere lassen einen nicht los, manchmal muss man sich regelrecht ins Gedächtnis rufen, dass es Olav, Eirik, Ingunn und Cecilia nicht wirklich gegeben hat, so lebendig sind sie für die Lesenden.
Olav Audunssohn II
Autorn: Sigrid Undset
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Verlag: Kröner Stuttgart
ISBN: 9783520629074
Preis: 30,00 € -
Niemand da von Ingvar Ambjørnsen

Ingvar Ambjørnsen ist nicht mehr da. Am 19. Juli 2025 ist er gestorben. Daher lesen sich die 12 Geschichten in diesem Buch, mit einer gewissen Wehmut. Es ist das letzte, an dem er aktiv gearbeitet hat. Die norwegische Ausgabe, die den Titel «Die Trauer in St. Peter Ording» hat, enthält fünf Geschichten weniger, als die deutsche. Eine norwegische Rezensentin hat geschrieben «eine Art Wunder – wie schwarze Perlen auf einer Schnur». Die deutschen Lesenden haben also fünf schwarze Perlen mehr auf der Erzählschnur. Die letzte Geschichte «Toter Hund» ist leider unvollendet. Ja, es ist schade, dass Ambjørnsen nun nicht mehr auflösen kann, wie die Geschichte weitergeht, die mit einem erschossenen Hund am Morgen beginnt und sich zu nach und nach zu einer Vier- bis Fünf- vielleicht auch Sechseck Geschichte entwickelt. Andererseits macht es auch Spaß zu spekulieren, wie der Autor es sich weitergedacht hat.
Die Geschichten in diesem Band gleiten ineinander über, obwohl sie nicht zusammenhängen. Ambjørnsen Fans dürfen sich auf das Treffen mit einigen alten Bekannten freuen. Um es gleich zu sagen: Elling taucht nicht auf, aber Sune aus «Die Nacht träumt vom Tag» erscheint in der Geschichte «Rotes Totem». Otto Gedde, bekannt aus «Eine lange Nacht auf Erden» – dort heißt er Claes Otto Gedde – taucht in «Der Berg ruft» als blinder Pianist auf und wie man im Geleitwort von Gabriele Haefs, der Übersetzerin und Ehefrau des Autors, erfährt, war auch ein Roman über sein Leben als Blindenimitator geplant. Ewig schade, den nicht mehr lesen zu können. Die Schnur, die die Perlen zusammenhält, ist der Tod. Nicht der Tod als Bedrohung, weder Freund noch Feind, sondern einfach eine zu akzeptierende Präsenz im Leben.
Ingvar Ambjørnsen war ein Meister darin, das Unsichtbare, die Untertöne sichtbar zu machen, ohne sie zu benennen. Dabei fehlte nie der Blick auf die komischen Seiten im Alltagsgeschehen. Eine Stimme, die fehlen wird.Niemand da
Autor: Ingvar Ambjørnsen
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Verlag: Edition Nautilus
ISBN: 9783960544753
Preis: 24,00 € -
Olav Audunssohn von Sigrid Undset

Olav Audunssohn und Ingunn Steinfinnstochter werden in bewegte Zeiten geboren. Es ist das 13. Jahrhundert in Norwegen, das Land ist zwar christianisiert, aber es gibt noch genügend die meinen, die Kirche solle sich um die Seelen kümmern und ansonsten sollten die alten Sippengesetze gelten. In mitten dieses Ringens geraten Olav und Ingunn. Als Kinder hat man sie miteinander verlobt und da Olav der Pflegesohn von Ingunns Vater ist, sind sie zusammenaufgewachsen. Sie wussten um das Verlöbnis. Doch nachdem Steinfinn starb, werden seine minderjährigen Kinder Mündel von Verwandten, die sich für die schöne, allerdings nicht sehr kluge, Ingunn, eine bessere Partie wünschen und kurz erklären, dass diese Verlobung in Kindertagen doch wohl nur ein Spaß gewesen sein kann. Olav will das nicht hinnehmen und besteht auf dem Verlöbnis. Da er und Ingunn mittlerweile miteinander schlafen, gelten sie im Sinne der Kirche als verheiratet und ein langes Tauziehen mit der Sippe beginnt. Schließlich kommt es zu einem Vergleich, bevor der entgültig besiegelt werden kann, erschlägt Olav im Streit einen von Ingunns Verwandten, wird für vogelfrei erklärt und muss das Land für vier Jahre verlassen.
Sigrid Undset wurde einmal von einem Kritiker geraten, es doch mit diesen Mittelalterromanen zu lassen. Wie gut, dass sie nicht auf ihn gehört hat. Denn sowohl Kristian Lavranstochter als auch Olav Audunssohn, beide spielen zur selben Zeit, sind Meisterwerke. Ihre Beschreibungen der Menschen, deren Lebensumstände, der Natur die sie umgibt, das ist Lesen in 3-D. Es ist eines der Bücher, die man am Liebsten sofort nach dem Beenden wieder von vorne beginnen würde. Doch es gibt Grund zur Freude, Olavs Geschichte geht weiter, der zweite Band erscheint bereits am 20.03.2026.
Olav Audunssohn
Autorin: Sigrid Undset
Übersetzerin aus dem Norwegischen: Gabriele Haefs
Verlag: Kröner
ISBN: 9783520629050
Preis: 30,00 € -
Der Tøyen Effekt von Bjarte Breiteig
Tøyen, ein Stadtteil in Oslo. Berüchtigt für seine Armut und Kriminalität. Von der Stadtverwaltung schon lange als Auffangbecken für Asylsuchende und auf soziale Unterstützung Angewiesene genutzt. Hierhin ziehen Mona, Jostein und ihr Sohn Kalle. Schnell beginnen sie sich zu engagieren, suchen Kontakt zu den Nachbarn, helfen bei Anträgen und schließen Freundschaften. Auch soll ihr Sohn Kalle dort in die Schule gehen und nicht auf eine der „besseren“ Schulen in einem angeseheneren Bezirk. Wie es viele die, ähnlich wie sie, nicht aus sozialer Not in Tøyen leben, halten. Mona arbeitet als Lektorin in einem kleinen Verlag und Jostein kümmert sich um Kalle und arbeitet als freiberuflicher Lektor. Das allerdings immer weniger, je mehr er sich im Stadtteil engagiert. Schließlich gründen sie ein Café, das von den Bwohner:innen Tøyens gemeinschaftlich betrieben wird. Endlich erreichen sie, was sie immer wollten, die Stadtverwaltung wird aufmerksam und ist bereit in Tøyens Infrastruktur zu investieren. Doch das bringt nicht nur Gutes. Denn nun ist Tøyen angesagt, Cafés und Restaurants der teureren Klasse entstehen. Denn, mit dem Syrienkrieg, kommt die nächste Flüchtlingswelle. Bei Mona setzt Frust ein, während Jostein sich neu gefordert und gebraucht fühlt. Mona beginnt sich ein anderes Leben vorzustellen und erwägt die Trennung von Jostein.
Als Jostein von einem Vortrag nicht aus Kopenhagen zurückkommt, refelktiert Mona über ihre Beziehung und über das Leben, über ihr großes gemeinsames Projekt und wie alles so aus dem Ruder laufen konnte.
Bjarte Breiteig beschreibt einen Stadtteil, wie es ihn in jeder größeren Stadt gibt. Und er schaut genau hin und das ohne moralisch erhobenen Zeigefinger und ohne Patentrezept. Seine Protagonist:innen sind Personen mit Ecken und Kanten, die oft genug zwischen Hingabe und Selbstzweifel schwanken.
Ein wichtiges Buch!
Der Tøyen Effekt
Autor:Bjarte Breiteig
Übersetzer: Bernhard Strobel
Verlag: Luftschacht
ISBN: 9783903422520
Preis: 26,00 €












