Krimi

  • Crime noir,  Krimi

    Pickard County von Chris Harding Thornton

    Nebraska 1978, eine der Ecken des Bundesstaates, in dem die kleineren Höfe verlassen sind, es kaum Arbeit gibt, viele in Trailerparks leben und Ehefrauen schon mal mit dem Pick Up über ihre Ehemänner fahren oder sich erschießen. Das ist die Gegend, in der Chris Harding Thornten, ihren Erstling angesiedelt hat. Harley Jensen, der Hilfssheriff einer kleinen Stadt, verfolgt seine persönliche Nemesis, Paul Reddick. Paul ist einer von denen, die genau wissen, wie sie jemanden den letzten Nerv rauben, denen man aber auch nie richtig etwas anhaben kann. Pauls ältester Bruder wurde als Kind ermordet und seine Leiche nie gefunden, obwohl die ganze Gegend wieder und wieder durchkämmt wurde. Dieser Mord lastet auf den Menschen der Stadt. 20 Jahre nach Dell jun. Ermordung, bekommt Harley es mit einer Reihe von Brandstifungen zu tun. Kleidung von Verstorbenen wird auf alten Höfen verbrannt und natürlich gerät Paul in Verdacht.

    Um es gleich vorweg zu nehmen, es ist kein typischer Krimi, den Chris Harding Thornton da geschrieben hat, es ist sehr viel mehr. Eine Studie über das ländliche Nebraska, ein Millieu in dem die Autorin aufgewachsen ist. Neben der Spannung wer denn nun wirklich der Brandstifter ist, ob Dell jun. Leiche noch auftaucht und ob Pam, der Ehefrau von Rick, einem weiteren Bruder des Ermordeten, die Flucht aus ihrer Ehe und aus der Stadt heraus gelingt, sind es die Charaktere und die Erzählweise, die dieses Buch zu einem besonderen Leseerlebnis machen.

    Pickard County wurde von Kathrin Bielfeldt aus dem Amerikanischen übersetzt und das Buch wurde von Jürgen Ruckh herausgegeben. ISBN 978-3-948392-64-2, Polar Verlag, Preis: 16,00 €

  • Krimi,  Österreich

    Giftiges Glück von Gudrun Lerchbaum

    Vienna Weed … wenn das nicht nach Walzer oder einem smoothingen Jazzstück klingt … was es aber nicht ist. Vienna Weed ist sozusagen der stille, mörderische, glückmachende Protagonist in Gudrun Lerchbaums Roman.

    Es ist Bärlauchsaison, in den Wäldern rund um Wien wächst er üppig und wird gerne gesammelt. Doch dieses Jahr hat er eine Besonderheit. Durch einen Pilzbefall ist der Bärlauch wohl nicht mehr unter den Heilkräutern einzuordnen, denn der Genuss ist tödlich. Allerdings sterben die Leute sehr glücklich, denn das Kraut hat auch eine psychoaktive Wirkung. Nun sollte man denken, dass er gemieden wird, doch nein, es beginnt ein regelrechter Run. Lebensmüde, Verzweifelte, Menschen mit unheilbaren Krankheiten und solche mit kriminellen Absichten versuchen sich das giftige Glück zu sichern.

    Auch Kiki, die wegen Todschlags im Gefängnis war und sich nach ihrer Entlassung um die an MS erkrankte Olga Schattenberg kümmert, ist im Wald unterwegs. Nicht für sich will sie das Kraut, sondern Olga hat sie geschickt, um einen Ausweg zu haben, wenn sich ihre Erkrankung verschlimmert. Im Wald trifft Kiki auf Jasse, einer knapp 14-jährigen, die nicht nur mit den üblichen pübertären Problemen kämpft, sondern auch mit dem Verlust ihrer Mutter, die die Familie verlassen hat. Als eine alte Bekannte Kikis beim Genuss einer Pizza in Kikis und Jasses Gesellschaft stirbt, geraten die Beiden in Verdacht nachgeholfen zu haben. Denn Kiki hatte sehr wohl einen Grund die Dame zu beseitigen.

    Gudrun Lerchbaum hat mit „Das giftige Glück“ einen sehr besonderen Roman geschaffen, der den Nerv der Zeit trifft. Kiki und Olga Schattenberg sind bereits aus dem letzten Buch der Autorin, Wo Rauch ist …, bekannt und da die Autorin ihr Handwerk versteht und Charaktere mit Ecken und Kanten erschafft, war es sozusagen ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Gudrun Lerchbaum hat ein ausgesprochenes Geschick dafür, die Probleme unserer Zeit aufzugreifen und in eine spannende Erzählung zu packen. Sie erhebt dabei nicht belehrend den Zeigerfinger, sondern legt ihn dahin wo es wehtut, ohne groß zu dramatisieren.

  • Krimi

    Tote Winkel von Sophie Sumburane

    Valentina ist Mitte dreißig, lebt in einem schönen Haus, hat reizende Kinder, ist mit einem wohlhabenden Mann verheiratet und unglücklich. Sie neigt zu Zwangsneurosen, dissoziert so dann und wann, kurz sie hat eine Menge Gepäck, versucht klarzukommen und schafft es mal gerade eben ihre Welt zusammenzuhalten. Eigentlich lebt sie in der ständigen Gewissheit, dass jeden Moment alles zusammenbrechen kann und die alten Monster, die aus den Verletzungen in ihrer Kindheit entstanden sind, aus ihren Löchern kriechen. Genau dies geschieht an einem Mittwoch, als die Polizei anruft und ihr mitteilt, dass ihr Mann wegen Vergewaltigung verhaftet wurde. Das Verwirrende: Das Opfer, die Journalistin Katja Sziboula, sieht Valentina zum Verwechseln ähnlich.

    Sophie Sumburane hat einen sehr ungewöhnlichen Kriminalroman geschaffen. Sie lässt Valentina, Katja und Kay, Katja Ehefrau, abwechselnd zu Wort kommen. Lässt sie erzählen, von ihrer Kindheit, von ihren Abgründen, von den Dämonen, die sie umtreiben. Der einzige der nicht zu Wort kommt, ist der Vergewaltiger, der Kneipenkönig, Valentinas Ehemann. Die Geschichte wird mehr und mehr ein Spiel mit Wirklichkeiten und Wahrnehmung des Gegenübers und es ist eine Geschichte über Missbrauch und dessen Folgen. Sophie Sumburane nimmt ihre Leser mit an Orte, an die sie sich freiwillig nie begeben hätten und das macht sie wahrlich meisterlich.

    Dabei hätte ich das Buch beinahe nicht gelesen, denn es kam mit einem Disclaimer:

    Dieser Kriminalroman enthält Passagen mit expliziten Schilderungen sexueller, körperlicher und seelischer Gewalt, auch gegen Kinder und Jugendlichen.Inhaltswarnung zu „Tote Winkel“

    Liebe Edition Nautilus, mir war sehr bewusst, dass ich einen Kriminalroman bestellt habe und kein Buch mit Häkelmustern! Was soll diese Infantilisierung von Lesenden? Mittlerweile kommt es ja öfter und öfter vor, dass vor dem Inhalt eines Buches gewarnt wird. Wie weit wird das noch gehen? Steht jetzt bald bei Rosemunde Pilcher vorweg:

    Dieser Roman enthält Passagen, in denen die Protagonistin an Liebeskummer leidet und ein Pferd stirbt.

    Bessert euch und haltet auf jeden Mist mitzumachen.

  • Krimi,  Norwegen

    Ein notewendiger Tod von Anne Holt

    Erneut lässt Anne Holt ihre neue Detektivin Selma Falk ermitteln. Eine Protagonistin die sich doch sehr von üblichen Ermittlerinnen unterscheidet. Ex-Anwältin, Olympiasiegerin, TV-Berühmtheit und spielsüchtig. Selma Falk ist eine, die weiß wie sie ihre Ziele erreicht und die je nach Bedarf, ihren Charme einsetzt oder lügt und betrügt, wenn sie es für nötig hält. So ist der Anfang von „Ein notwendiger Tod“ doch erstaunlich …

    Selma erwacht in einer brennenden Hütte. Sie ist nackt, es schneit und sie hat keine Ahnung, wie sie dort hingekommen ist, geschweige denn, wie sie arg geschwächt und nackt, zurück in die Zivilisation kommen soll. Nach und nach erinnert sie sich, an die Hochzeit ihrer Tochter, auf der der Bräutigam durch einen anaphylaktischen Schock stirbt. An den Auftrag des Restaurantbetreibers den Todesfall zu untersuchen, um zu klären, dass die Schuld nicht beim Koch lag. Das Dumme ist, dass sich schnell das Gefühl einschleicht, dass der Tod des Minutenschwiegersohn kein Unfall war. Sjalg Petterson war nicht nur Historiker, sondern auch politischer Influenzer, dessen bevorzugte Zielscheibe in seinen Blogartikeln der aktuelle Justizminister Trygve Mejer war. Dieser widerum ist Mitglied im Rat, einer mächtigen Gruppe, die im Falle einer Invasion Norwegens, tätig werden soll.

    Anne Holt nimmt sich in „Ein notwendiger Tod“ eines topaktuellen Themas an, Beleidigungen und Mobbing im Internet. Stephen Fry hat einmal gesagt:

    Twitter ist die Toilettenwand des InternetsStephen Fry, Schauspieler und Autor

    Wie geht man nun damit um? Welche Regulierungen sollte es geben? Das sind Fragen, die in diesem Roman aufgeworfen werden. Anne Holt hat also auch diesmal ein brisantes Thema angepackt und durch lebendige Charaktere und eine spannende Story so aufgearbeitet, dass es für die Leser erlebbar wird.

    Übersetzerin: Gabriele Haefs

  • Crime noir,  Krimi,  Norwegen

    Kalte Herzen von Gunnar Staalesen

    Hege, eine Prostituierte, in der Varg Veum, eine frühere Schulfreundin seines Sohnes erkennt, bittet ihn um Hilfe. Maggie, eine Kollegin, ist verschwunden, nachdem sie panisch einen Freier abgelehnt hat. Veum, der früher Sozialarbeiter war, sieht sich um und gerät in immer tiefergehende Verstrickungen, die zum Teil in der Vergangenheit ihre Wurzeln haben. Denn nicht nur Maggie ist verschwunden, sondern auch ihr Bruder, der auf Freigang war. Zu allem kommt noch, dass auch die Zuhälter von Maggie und Hege nicht gerade glücklich über Veums Ermittlungen sind, denn denen ist gerade ein Drogendeal schiefgegangen und der gute Varg, kommt auch dieser Sache sehr nahe.

    Kalte Herzen ist Varg Veums 16. Fall und es wird nicht langweilig. Der Autor hat die Handlung in 1997 angelegt, in eine Zeit, in der noch nicht jeder E-Mail hatte und eben auch noch keine Smartphones vorhanden waren. Die Handlung ist auch ohne dies rasant und interessant. Gunnar Staalesen ist einer der Autoren, die in einem spannenden Plot Sozialkritik anbringen können, ohne arrogant zu wirken. Vor allem hat er kein Problem damit, hinter die Fassade der Wohlanständigkeit zu schauen. Mittlerweile gibt es 19 Varg Veum Bücher und ich hoffe doch sehr, dass die drei, die noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegen noch kommen.

    Gunnar Staalesen lebt in Bergen, wo auch die Handlung dieses Buches angelegt ist.

    Kalte Herzen, ISBN 978-3-048392-60-4, Preis: 16,00, Übersetzer:innen: Gabriele Haefs & Nils Hinnerk Schultz, Herausg. Jürgen Ruckh.